Der Künstler

 

Ludwig Zerull

Rede anläßlich der Vernissage zur Ausstellung von Ziad El Kilani, am 25. Februar 1999 im "Foyer für junge Kunst" Hannover

Ziad El Kilani ist in Syrien geboren. Im Irak hat er studiert. In Bagdad an der Kunsthochschule. Die üppige Farbenpracht auf manchen seiner Gemälde führt er darauf zurück. Nicht etwa auf die Farben des Landes sondern darauf, daß es dort für die Kunststudenten während des Studiums unbegrenzt Ölfarben gab. So einfach ist das.

Später, seit 1985, hat Ziad El Kilani an der Fachhochschule der Kunst und Design in Hannover studiert. Die Radierserien, die hier entstanden sind, weisen ihn auf dem Gebiet als Künstler aus, der das grafische Lineament genauso virtuos beherrscht wie die Farbe beim Malen. Dazu kommt bei diesem Künstler eine manchmal unbändige Phantasie, die sich sicher aus der für uns anderen Gedankenwelt des Orients nährt.

Wie selbstverständlich bringt Ziad El Kilani auf ein- und demselben Bild oft Kindheitserlebnisse und Mythologisches aus der uns so fernen Welt mit unserem Kulturkreis zusammen. Das macht den erzählerischen Reiz seiner Bilder aus, vergleichbar mit dem Reiz, den wir beispielsweise bei den Bildern eines Marc Chagall immer empfinden. Zwar ist Ziad El Kilani kein Surrealist, doch übt die Verquickung zweier Kulturkreise, wie sie sich für den Maler, der in beiden zuhause ist, selbstverständlich ergibt, auf den Betrachter quasi eine surreale Wirkung aus. Der Kunsthistoriker Werner Hoffmann, früherer Direktor der Hamburger Kunsthalle, hat zu Recht festgestellt, daß es falsch sei, den Surrealismus aus der Bereichen der Wirklichkeit auszugrenzen und im Niemansland der Phantastik anzusiedeln. Nur wer das "Wirkliche" kurzschlüssig auf die sichtbaren Inhalte eines Wahrnehmungserlebnisses beschränken will, wird etwa in Ziad El Kilanis Bildern eine Fluchtbewegung in unbegreifliche und unkontrollierbare Bereiche der Einbildungskraft vermuten.

Natürlich ist nicht jedes seiner Bilder für uns "assoziativ" zu entschlüsseln. Auf seinen in den letzten Jahren entstandenen Werken, die in der Ausstellung der Vereins- und Westbank in Hannover gezeigt werden, geht es manchmal auch zu, als sei das Ganze nur eine Urlaubsreminiszenz vom Meer oder aus der Toskana. Doch dieser erste Blick kann täuschen, denn die - im wahrsten Wortsinn - Vielschichtigkeit seiner Bilder läßt diese auch so erscheinen, daß der Betrachter darin unsere eigene Erinnerungsgeschichte einpassen könnte. Das gelingt aufgrund der Malweise, aufgrund des Über- und Übermalens von Farbe, das Abkratzen der Farbe, des neuen Auftrags von Farbe, die ja auch eine Schichtung von Gewesenem und Wiederentdecktem sein kann.

Und es gibt einen weiteren Aspekt (den der Nähe zum Surrealem habe ich erwähnt): der andereist der seiner Nähe zum Informelen, zum Tachismus, der Fleckhaftigkeit... Manche Bilder wirken fast abstrackt, auch wenn sie voller gegenständlicher Motive stecken, die sich aus einer optisch dominanten tachistischen Malerei herauslösen. El Kilanis Bilder entbehren aber der Leichtigkeit des französischen Informel, weil eben dieses über und über mit Farbe und so mit Erinnerung Bedeckte, diese schrundigen, schweren Oberflächen ein wesentliches Merkmal seiner Kunst sind. Und obgleich manches so "hingehauen" wirkt, ist ihr Kennzeichen nicht Leidenschaftlichkeit und Spontanität, vielmehr hat man den Eindruck, dahinter steckt ein langsamer, schöpferischer Prozeß, dessen Konsequenz eben durchaus mit dem Lebensschicksal des Künstlers zu tun hat.

Unklarheiten sind in diesem Konzept beabsichtigt. Angst schwingt mit. Fliegendes steht für Hoffnung oder Rettung. Eindeutig sind allerdings manche Bilder von Flüchtenden, von Flüchtlingen. El Kilani bezieht dann eindeutig Stellung. Eindeutig etwa nicht für den Irak, nicht gegen Israel. Doch eindeutig für den Frieden. Ziad El Kilani ist aber kein politischer Maler und kein Geschichtenerzähler. Er ist ein Maler der üppigen Farben. Der Farben von Bagdad und der Farben vom Schlachthof am Tönniesberg, wo in Hannover sein Atelier ist.

Mit seinen Generationskollegen ist dieser Künstler kaum zu vergleichen. Ulrich Krempel, Direktor des Hannoverschen Sprengel Museums, hat über ihn gesagt, El Kilanis Bilder seien wie ein Traum, manche wie ein guter, andere wie ein böser Traum. El Kilani erzählt Einfaches "mit Mitteln, die der arabischen Kultur, der er entstammt, zunächst lange fremd gewesen sind. Trotz der Bilderferne des Islams erschafft er Bilder; aber das sind Träume und Anflüge von Erinnerungen, Beschwörung einer verlorenen Kindheit und Vergangenheit, Rückrufung einer Kultur, der er sich entzogen hat, um heute trotzdem diese Bilder malen zu können".

Der Französische Symbolist Odilon Redon (1840-1916) hat über die Kunst gesagt: "Sie ist suggestiv durch eine Kombination verschiedener zusammengebrachter Ding-Elemente, transportierter Formen ohne Beziehung zu den alltäglichen Zusammenhängen."

So weit ist auch Ziad El Kilani von der "Wirklichkeit" - und so nah dran.